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Avería – überdurchschnittlich durchschnittlich

Es gibt Dinge, die einen schon beim ersten Blick sofort faszinieren. Umso besser, wenn sich die Faszination dann sogar noch vervielfacht, sobald man die Hintergründe dazu erfährt. So erging es mir bei der Schriftart, die ich heute vorstellen möchte.

Als ich sie zum ersten Mal beim Durchstöbern eines Portals für freie Schriften entdeckt habe, hat sie mich gleich gefesselt. Schon länger war ich auf der Suche nach einer Schriftart, die zugleich die klaren Züge einer Computerschrift trägt und doch handgezeichnet wirkt. Und genau diese Merkmale fand ich in Avería. Sie steht in einer serifenlosen, einer serifenhaltigen und einer Art Semi-Serif-Variante zur Verfügung und wirkt, als hätte sich jemand die Mühe gemacht, leicht unbeholfen je einen typischen Vertreter der jeweiligen Kategorie von Hand nachzuzeichnen. Etwas verrückt, keinesfalls perfekt, an einigen Stellen sicherlich auch etwas »unrund«, uneinheitlich und gewöhnungsbedürftig, aber doch gut lesbar und mit einem ganz speziellen Charme.

Somit landete die Schriftart dank freier Lizenz umgehend auf meiner Festplatte, mit dem Ziel, sie später einmal in Überschriften oder für eine gewisse »kreative Note« in kürzeren Texten auszuprobieren. So hätte diese Geschichte enden können.

Stattdessen stöberte ich jedoch noch ein wenig weiter und fand einen Link auf die Entstehungsgeschichte von Avería. Und die machte mich dann doch ganz schön stutzig. Denn diese organisch und handgezeichnet wirkende Schrift wurde von einem Computerprogramm komplett automatisch generiert, wie der (wunderschöne) Name es schon hätte vermuten lassen können, als »Durchschnittsschrift« aus allen auf dem Rechner ihres Erfinders installierten Fonts. Zwar hat der Schaffer der Schrift, Dan Sayers, den Algorithmus angepasst und optimiert, um bei einigen »Problembuchstaben« entstehende Unschönheiten zu beseitigen, doch es bleibt festzuhalten, dass kein Buchstabe von Hand angefasst, sondern alles automatisch erzeugt wurde.

Nie hätte ich für möglich gehalten, dass dieses wilde Durchmischen verschiedenster Schriftarten auch nur zu einem halbwegs brauchbaren Ergebnis führen könnte, doch Avería beweist das Gegenteil. Und durch die automatische Erzeugung war es natürlich ein Leichtes, nicht nur einen vollständigen Satz mit allen möglichen Unicode-Zeichen zu erzeugen, sondern auch viele verschiedene Schnitte und Varianten. So wurde eben aus der Vermischung von Serifenschriften die Serif-Variante und aus den serifenlosen die Sans-Variante erzeugt, dazu verschiedene Schriftstärken sowie Kursive. Und prinzipiell kann auch jeder aus seiner persönlichen Schriftsammlung oder seinen Lieblingsschriften ständig neue Varianten erzeugen – ein beinahe unerschöpflicher Schatz an Möglichkeiten entsteht. Mittlerweile kann man bei Dan z. B. auch einen Satz herunterladen, der ausschließlich aus freien Schriften erzeugt wurde.

Beispiele von Avería

Bei solchen Dingen, die auf den ersten Blick eine unglaubliche Anziehungskraft ausüben, kommt es leider nicht selten vor, dass bei einer eingehenden und genaueren Betrachtung, auch wenn sie ihre Faszination nicht verlieren, doch eine gewisse Art von Ernüchterung eintritt. Diese war bei mir in diesem Fall jedoch recht klein. Sicher: Schaut man sich die Schrift im Detail an, so fällt doch auf, dass sie bei der Verwendung manchmal recht uneinheitlich wirkt. Dies trifft vor allem auf die serifenlose Variante zu, die, wenn man einen in ihr gesetzten Satz betrachtet, eine nicht gerade gerade Grundlinie, teilweise unpassend wirkende Abstände und willkürlich erscheinende Strichstärken aufweist. Bei der Serif-Variante hingegen erscheint die Uneinheitlichkeit weniger stark und auch weniger störend, eher charmant. Bei den Kursiven bevorzuge ich weder die Serifen- noch die Sans-Variante, sondern die »vollständige Mischung«.

Alles in allem bleibt jedoch eines: Die Faszination einer Schriftart, die vollständig künstlich erzeugt wurde und doch sehr natürlich, fast menschlich wirkt. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet erscheint dieser scheinbare Widerspruch hingegen fast schon wieder logisch, kombiniert sie doch durch die Vermischung hunderter verschiedener Schriften auch die Arbeiten einer Vielzahl von verschiedener Typographen, deren verschiedene Charakterzüge somit alle in gewisser Weise in diese Schrift einfließen. Unter diesem Gesichtspunkt also eine zutiefst menschliche Schrift.

Hier kann Avería heruntergeladen werden: Download

Eintrag veröffentlicht am 16.12.2011

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